ERNST MOLLENHAUER IN DER OSTPREUßISCHEN MALEREI

  • Zu Recht hat man Ernst Mollenhauer den bedeutendsten expressionistischen Maler Ostpreußens genannt. Zugleich verkörpert er wie kein anderer Künstler die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bedeutungsvolle Künstlerkolonie Nidden, das Malerparadies an der Kurischen Nehrung. Seit Mitte der 1920er Jahre war er für zwei Jahrzehnte die
    bestimmende Persönlichkeit dort - eben in der Zeit, als die letzte fruchtbare Entwicklung der Künstler-kolonie stattfand und Nidden schon zu Litauen gehörte (1923-1939).
  • Hafen in Nidden, 1962In der Entwicklung der Kunst in Ostpreußen stand Mollenhauer während eines entscheidenden Einschnitts vorne an: Er hatte 1913, kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs, sein Studium an der Königsberger Kunstakademie bei Richard Pfeiffer und dem
    Akademiedirektor Ludwig Dettmann begonnen, 1919 wollte er es dort fortsetzen und abschließen. Zwar hatte die Akademie 1916 ein neues Gebäude bezogen, doch war eine tiefgreifende innere Reform des Lehrbetriebs überfällig. Als führender Vertreter der Studierenden konnte Mollenhauer mit weiteren Kommilitonen 1919-1920 an den Reformen aktiv teilnehmen und durchsetzen, daß mit Arthur Degner, einem einstigen Schüler der Königsberger Kunstakademie, 1920 bis 1924 dort der erste und einzige Vertreter des Expressionismus als Lehrer wirkte. Dieser Zeitabschnitt gehört zu den wichtigen Episoden der Geschichte der Königsberger Kunstakademie.
  • Mit berechtigtem Stolz schrieb Mollenhauer am 5. Dezember 1919 an seine Braut Hedwig Blöde in Nidden: „Hurrah, heute wiedermal ein Sieg auf der ganzen Linie... Also, Degner kommt im Januar an unsere Akademie, als Lehrer bestimmt, wenn nicht als Direktor (- diese Vermutung im Überschwang der Begeisterung erfüllte sich freilich nicht - Anm. d. Verf. -). Das bedeutet für mich nach allen Bemühungen in unserem Verfassungskampf ein besonderes Verdienst, und damit hätte ich vor allem den letzten Triumph gegen Woiff (Heinrich Woiff, 1902-1935 Professor für Bildgraphik an der Akademie, Vertreter der konservativen Richtung in den Auseinandersetzungen 1919/20 - Anm. d. Verf. -) und die anderen Brüder ausgespielt. Diese Leutchen werden wahrscheinlich sehr stark die Nase rümpfen. Denke nur, Degner, ein früher abgewiesener Schüler unserer Akademie! Wenn der ganze Kampf seiner Zeit auf beiden Seiten auch nur in vielem des Prinzips wegen geführt wurde, so kann ich jetzt doch mein Amt im Ausschuß ganz beruhigt niederlegen. Dann möchte ich die Akademie aufgeben und von dannen ziehen."
  • Die Bedeutung, die das Wirken Degners in Königsberg hatte, wird heute erst Stück für Stück erforscht. Zu seinen namhaften Schülern gehörten neben Mollenhauer etwa noch Karl Eulenstein und Erich Berendt, weitere werden noch zu entdecken sein, vieles ist aber auch, durch den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen bedingt, verloren gegangen. Für Ernst Mollenhauer ist das meiste schon erforscht und durch Ausstellungen bekannt gemacht worden. Wir verdanken dies vor allem der Tochter des Malers, Frau Maja EhIermann-Mollenhauer, die bis heute den Schatz des künstlerischen Nachlasses klug verwaltet und wirken läßt.
  • Wenn wir heute auf die immer wieder einmal ausgestellten Werke von Mollenhauer blicken, sehen wir in aller Regel Arbeiten aus den Jahren nach 1945. Das hat seinen tragischen Grund in dem fast gänzlichen Verlust der vor diesem Schicksalsjahr geschaffenen Werke, die mehrheitlich bei Kriegsende in Nidden vernichtet wurden. Aus wenigen erhaltenen Bildern und einigen überlieferten Abbildungen müssen wir uns eine Vorstellung vom frühen und reifen Schaffen des Malers machen. Und da treffen wir nicht unbedingt nur auf den Expressioniten bzw. Spätexpressionisten Mollenhauer, auch wenn seine diesbezüglichen Prägungen zweifellos aus den Jahren 1919-1922 stammen. Aber dieses Bild ist eben nicht vollständig. Zu den Lehrern Mollenhauers in Königsberg gehörten, gerade in der allerersten Prägezeit, auch Ludwig Dettmann, der Kunstakademiedirektor, und etwa Richard Pfeiffer, Olof Jernberg u.a. An seiner künstlerischen Wiege erklangen also auch die Weisen des deutschen Realismus und Naturalismus, der Impressionismus ist in eigenwilliger Spielart durch den größten ostpreußischen Maler Lovis Corinth als Fürsprecher für dieses Künstlerleben vertreten. War Corinth es eben, der Vater Mollenhauer umgestimmt hatte,
    Sohn Ernst doch die Kunstakademie besuchen zu lassen. Wir finden Mollenhauer also bestens in der Königsberger Kunsttradition verankert, gegen die er schließlich in Nidden das „Rebellennest" übernahm. So könnte man die Künstlerkolonie in ihrer stilprägenden Stellung vor 1920 als Einfallstor des Expressionismus in Ostpreußen nämlich bezeichnen. Und als Mollenhauer den Kern dieser „Kolonie", das Gasthaus Hermann Blöde von eben diesem, seinem Schwiegervater, etwa 1924 übernahm, tat er es gerade rechtzeitig zur Fortsetzung der expressionistischen Tradition in dieser Kunstprovinz nach dem Weggang Degners aus Königsberg.
  • Dies darf freilich nicht dergestalt mißverstanden werden, daß Mollenhauer in Nidden eine Kunstdiktatur einrichten wollte. Im Gegenteil, die Freiheit der Maler war in jeder Hinsicht von Anfang an eine prägende Komponente der Kunstkolonie gewesen. Vielen Zwängen der Zivilisation konnten sie dort entfliehen, die Großzügigkeit und die Bereitschaft des alten Hermann Blöde, von den vielen jungen, finanziell kaum reich gesegneten Malern als Bezahlung einige Arbeiten zu akzeptieren, gehörte doch zu den wesentlichen Bestandteilen, die die frühen Jahre der „Kolonie" prägten. In die Zeit, da Mollenhauer die Leitung des Hotels von seinem Schwiegervater übernommen hatte, fällt das jährliche „Blode-Stipendium", das einem ausgewählten Schüler der Kunstakademie Königsberg freien Aufenthalt in Nidden ermöglichte. Mollenhauertat noch einiges mehr, um die Kunstkolonie Nidden zu dokumentieren: Er errichtete einen Stamm mit dem Namen dreier bedeutender Künstler der Kolonie aus ihrer Gründerzeit Anfang des Jh.: Ernst Bischoff-Culm, Hans
    Beppo Borschke als Maler, Walther Heymann als Dichter, Opfer des Weltkrieges 1914-1918. Er schuf das Grabmal des unvergessenen Hermann Blöde. Viele Jahre nach dem Untergang des alten Ostpreußens und Niddens 1945 setzte er diesem besonderen Künstlerort auch literarisch ein Denkmal, das in diesem Katalog nun noch einmal nachzulesen ist.
  • Mollenhauer faßte einmal sein künstlerisches Wollen mit folgenden Worten zusammen: „Seit meiner Jugend bin ich dem Expressionismus verschworen. Ich bemühe mich um die Darstellung des Gegenstandes in seinem Wesensteil, in seinen immer noch so reichen Möglichkeiten, d.h. ich möchte mein inneres Gesicht zum aussagenden Bild formen. Dieses Erleben des Gegenstandes will ich nicht zu einer auf dem Verstand basierenden Konstruktion ausbauen, ich möchte vielmehr aus intuitivem Vermögen zu einer Gestaltung kommen, die in aller Ehrfurcht vor der immer neuen Schöpfung zu einer diesbezüglichen Aussage hinfindet". Besonders auch auf die Wirksamkeit des Malers in der Traditionsfortsetzung der ostpreußischen Kunst nach 1945 bezogen, sind die Worte seines vielleicht berufensten Interpreten, des Berliner Kunsthistorikers Günter Krüger, von 1983 bedeutsam: „Mollenhauers Verdienst ist es... vor allem, die Wirklichkeit einer Landschaft (der Kurischen Nehrung v. a. bei Nidden - der Verf. -) in ihren unterschiedlichsten
    Aussageformen dem Betrachter erschlossen zu haben. Und dem ist er sein ganzes Leben über treu geblieben".
  • Diese Worte gelten auch für die erkennbaren, gegenständlichen Inhalte der Werke in Bezug auf Nidden. Die inneren Bilder konnte der Maler 1945 mitnehmen und sie gerieten ihm um so eindrucksvoller, je länger er sie nur noch vor dem inneren Auge sah. Hierin liegt nochmals eine besondere Leistung der aus ihren angestammten Mal-Landschaften vertriebenen Künstler (vgl. auch Karl Eulenstein). Und dieses Phänomen der Ausschließlichkeit der inneren Sicht als Ausgangspunkt des ausgedrückten Gestaltens - spätexpressionistisch - stellt zugleich ein der ostpreußischen Malerei in ihrer Traditionsfortführung nach 1945 eigentümliches Merkmal dar. Eine spezifische Antwort der bildenden Kunst auf die Kriegskatastrophe in Deutschland und Europa vor 50 Jahren. Eine Sonderleistung der ostpreußischen bildenden Kunst.

Jörn Barfod

 


  © Das litauische Museum für bildende Kunst, 2001
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Erneut: 2003.06.10
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