ERNST MOLLENHAUER LEBENSWEG UND KÜNSTLERISCHES SCHAFFEN
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Ernst
Mollenhauer, am 27.08.1892 in Tapiau in Ostpreußen geboren, wuchs
seit frühester Kindheit in Königsberg auf. Diese alte Stadt am
Pregel, die Küstenlandschaft des nahen Samlandes und die großen, in
einer fruchtbaren Ebene gelegenen Höfe seiner Salzburger und
Schweizer Vorfahren in der Insterburger Gegend schärften seinen Blick
schon von Jugend an für die Natur und das Wesen dieser östlichen"
Welt. Bereits als Kind griff er zum Zeichenstift, bald auch zur
Ölfarbe, und bis 1945 hing in der Wohnung seiner Mutter eines der
ersten großen Stilleben des etwa Vierzehnjährigen. Immer stärker
wurde in ihm der Wunsch, Maler zu werden und die Königsberger
Kunstakademie zu besuchen. Der wohlhabende Vater, nicht gerade
begeistert über die Pläne seines Sohnes, einen so unsicheren Beruf
zu ergreifen, hätte ihm lieber zu einem Universitätsstudium
verholten. Als er jedoch seinem Freund Lovis Corinth ein paar
Zeichnungen vorlegte, dieser darin die Begabung des jungen Ernst
Mollenhauer erkannte und dessen Wunsch, die Akademie zu besuchen, mit
dem lapidaren Satz Na, wenn er will, dann laß ihn doch!"
unterstützte, gab der Vater schließlich seine Einwilligung.
Allerdings unter der Bedingung, daß sein Sohn nach Erlangung der
mittleren Reife auf einem Königsberger Realgymnasium zumindest ein
kaufmännisches Lehrjahr bei der angesehenen Reederei Kleyenstüber
absolvierte, um erst einmal etwas Vernünftiges" zu lernen. So
geschah es. Dann aber begann Ernst Mollenhauer im Jahr 1913 sein
Studium an der Kunstakademie bei Professor Ludwig Dettmann, der ihm
das damals übliche Probejahr aufgrund seiner Begabung erließ. Hinzu
kamen Studien in der
Aktklasse bei Professor Richard Pfeiffer sowie in der Graphiker- und
Bildhauerklasse. Pfeiffer beschäftigte seinen jungen Schüler
gleichzeitig als Mitarbeiter bei der Herstellung seiner Wandgemälde
in Elbing und Tilsit. Die Akademieferien verbrachte Ernst Mollenhauer
im Samland im Kreise der Maler Waldemar Rösler, Illies, Dellbrück,
Domscheit, Jernberg und anderer, auch besuchte er für kürzere Zeit
die Kurische Nehrung.
- 1914 setzte der Ausbruch des Ersten Weltkrieges dem Studium vorerst
ein Ende. Ernst Mollenhauer erlebte ihn als Kompanieführer in Polen,
Rußland, Italien und Frankreich. Sein umfangreiches, gezeichnetes
Kriegstagebuch ging 1945 in Nidden verloren. 1918 konnte er sein
Studium an der Königsberger Akademie wieder aufnehmen und war ab 1920
Meisterschüler mit eigenem Atelier bei Professor Artur Degner. Die
Königsberger Künstlerschaft war aus dem Krieg zurückgekehrt. Nach
freiheitlichen Wegen suchend, wollte sie den althergebrachten Zopf des
Akademismus abstreifen", schreibt Mollenhauer, der als
Vorsitzender des Studierenden-Ausschusses und Gründungsmitglied der
Künstlervereinigung Der Ring" im März 1919 anläßlich einer
Gedenkfeier für die Gefallenen in den Räumen der Akademie eine
Ausstellung für die Zurückgekehrten eröffnet hatte. Im gleichen
Jahr beschlossen Lehrer und Schüler eine Neuordnung der Akademie. Man
erstrebte nicht nur eine Umstrukturierung der Verwaltung, sondern auch
neue Ausdrucksformen in der Kunst. Sie verneinten die natürlichen
Formen und suchten sich neue Formwege. Sie verzichteten auf
Schönheit. Sie wollten kraß, scharf, bezeichnend sein, sie wollten
erschüttern und zum Erleben zwingen", berichtet der
Schriftsteller Kurt Pastenaci. Dieses war eindeutig der Weg zum
Expressionismus. Man diskutierte diese Fragen nicht nur in Berlin und
anderen deutschen Kunstzentren, sondern auch in der um die
Jahrhundertwende entstandenen Künstlerkolonie Nidden, die im
altbekannten Gasthaus des Künstlervaters" Hermann Blöde
gegründet wurde. Lovis Corinth und Oskar Moll, die Expressionisten
Max Pechstein und
Karl Schmidt-Rottluff und viele andere Maler waren bereits vor dem
Krieg nach Nidden gekommen, nunzog es immer mehr Künstler in diese
ursprüngliche und grandiose Landschaft.
- Ernst Mollenhauer kam 1919 in das Haus Hermann Blöde, mitten hinein
in einen festesfrohen Johan-nisabend, wo er Hedwig Blöde, eine
Tochter des Hauses, kennenlernte. Sie heirateten 1920. Ernst
Mollenhauer richtete in der seinem Schwiegervater gehörenden Villa
Helene" sein erstes Atelier ein, behielt aber auch das in der
Akademie und bezog mit seiner jungen Frau eine kleine Wohnung in der
Nähe der Königstraße in Königsberg. Es muß ein frohes
Künstlerleben dort gewesen sein, vor allem, als erste Verkäufe und
Anerkennung den gewählten Lebensweg des jungen Malers auch in dieser
Hinsicht bestätigten.
- Auf Anraten seines in den USA lebenden Bruders Frank reisten Ernst
und Heta Mollenhauer 1922 nach New York. Mehrere Kisten milden besten
Bildern waren vorausgeschickt, um damit dort eine Ausstellung zu
ermöglichen und den Lebensunterhalt zu sichern. Bei der Ankunft in
der Neuen Welt stellte sich jedoch heraus, daß sämtliche Bilder, der
Obhut eines ungarischen Kunsthändlers übergeben, von diesem
gestohlen und auf Nimmerwie-dersehen verschwunden waren. Nach
entbehrungs-reichen Monaten und harter Arbeit hatte Ernst Mollenhauer
dann neue Bilder für eine Ausstellung im Foyer eines großen Hotels
beisammen. Beide, Bilder und Hotel, verbrannten kurz nach der
Eröffnung, wahrscheinlich durch einen Versicherungs-schwindel.
- Aber nun war der junge Maler kein Greenhorn" mehr, er fand
rasch eine interessante und gut bezahlte Anstellung in einem Studio
für projizierbare Bühnenbilder, die er für mehrere Aufführungen
der Metropolitan Opera entwarf. Es entstanden neue Bilder, die er als
einer der ersten deutschen Maler nach dem Weltkrieg in New York in den
Dudensing Galleries zeigte und die ihm ein gutes Presseecho
einbrachten.
- 1923 annektierte Litauen das Memelgebiet im nördlichen Ostpreußen,
wozu auch Nidden gehörte. Dadurch geriet das Land in schwere
wirtschaftliche Bedrängnis und auch das traditionsreiche Haus Hermann
Blöde kam in Gefahr, schließen zu müssen. Ernst Mollenhauer kehrte
mit seiner Frau nach Nidden zurück und ihre mitgebrachten harten
Dollars halfen, den Betrieb zu erhalten und weiterzuführen. Es begann
eine politisch und wirtschaftlich schwere Zeit. Auf Wunsch seines
erkrankten Schwiegervaters übernahm Ernst Mollenhauer in den
folgenden Jahren nach und nach die Leitung des alten, berühmten
Künstlergasthofes und es gelang ihm, bis 1945 maßgebend für den
Erhalt und die Pflege der Niddener Künstlerkolonie zu sorgen.
- Lange Jahre hindurch erhielt ein von der Königsberger Akademie
ausgewählter junger Maler das Hermann-Blode-Stipendium" und
konnte während der Sommermonate unbeschwert in Nidden arbeiten.
- Bei der Rückgliederung des Memellandes an das Deutsche Reich im
Jahr 1939 wurde Mollenhauer als expressionistischer Maler als entartet"
abgestempelt und erhielt ein sofortiges Ausstellungsverbot. Die große
Gemäldesammlung des Hauses Hermann Blöde sah sich einem zweimaligen
Bildersturm" ausgeliefert, dem sich Mollenhauer mit allen
Mitteln widersetzte. Seine Bekanntschaft mit Thomas Mann, die
langjährige Betreuung von dessen Haus in Nidden, die Aufnahme
jüdischer Gäste und die Weigerung, das Haus der Partei zu öffnen,
brachte ihm die ständige Bedrohung einer Verhaftung durch die Gestapo
ein.
- Im strahlend schönen Sommer und Herbst 1944 hörte man in Nidden
den Kanonendonner der herannahenden Front. Im Januar/Februar 1945
wurde das gesamte, bisher geschaffene künstlerische Werk Ernst
Mollenhauers durch einmarschierende sowjetische Truppen zerstört oder
verschleppt und nur wenige Bilder aus der Zeit vor 1945 blieben im
Westen Deutschlands erhalten. Ein gleiches Schicksal erlitt die seit
dem Ende des 19. Jahrhunderts zusammengetragene Gemäldesammlung des
Hauses Hermann Blöde, das bis auf wenige, heute entstellte Gebäude
mitsamt der berühmten Künstlerveranda in den folgenden Jahren
abgerissen wurde. Die einst so bekannte Niddener Künstlerkolonie
hörte auf zu existieren und lebt heute nur noch in der
Kunstgeschichte weiter.
- Nach der Kriegsgefangenschaft in Dänemark und in einem englischen
Lager in Schleswig-Holstein fand Ernst Mollenhauer seine Familie nach
langer Ungewißheit im August 1945 in der Gegend von Göttingen
wieder. Im Herbst gleichen Jahres bot sich ihm eine Unterkunft in
Kaarst bei Neuss im Rheinland und 1950 bezog er ein Atelier in
Düsseldorf. In einer zerstörten und andersartigen Umgebung mußte er
aus dem Nichts einen Neuanfang wagen. Dieser ist ihm gelungen, doch
oft reiste er auf der ständigen Suche nach einem fernen Ersatz
für das geliebte Nidden durch Deutschland, Österreich, Frankreich,
Holland und die Schweiz, bis er schließlich in Keitum auf Sylt ein
Sommeratelier einrichten konnte.
- 1963 starb Ernst Mollenhauer in Düsseldorf, 1973 seine Frau Heta in
Mainz. Sie fanden ihre letzte Ruhestätte nicht in Nidden neben dem
Grab von Hermann Blöde, dessen Kreuzesstamm Ernst Mollenhauer einst
entworfen und errichtet hatte, sondern auf dem alten Friedhof in
Keitum auf Sylt. Über ihr Grab ziehen Wolken und Wind und der Blick
geht weit über das Wasser des Watts, wie es ähnlich auch in Nidden
gewesen wäre.
- Wenn ein Maler sein halbes Lebenswerk verliert, so ist das durch
nichts zu ersetzen. Noch schmerzlicher wird es, wenn dazu der Verlust
der künstlerischen Heimat kommt. Es ist hier nicht der Platz für
eine längere kunstgeschichtliche Abhandlung zum Werk von Ernst
Mollenhauer. Die jetzt gezeigten Bilder mit so manchen Nehrungsmotiven
mögen selber zum Betrachter sprechen: Von seiner Verbundenheit mit
diesem Land zwischen Haff und Meer, die ihm bis zum Tod die Kraft zur
Gestaltung gab, nicht im Sinne einer Erinnungsmalerei, sondern im
Erfassen des Endgültigen und Ewigen dieser östlichen Landschaft. So
schrieb er in einem Brief an seine Frau von einem Studienaufenthalt in
der Bretagne im Jahr 1951: Und wenn ich nun am Ende dieser Fahrt
das Fazit ziehe, dann will ich sagen: alles ist sehr gewaltig und
schön in der Natur. Am gewaltigsten erscheint mir die Verträumtheit
Niddens, der Wald, die Ostsee, die Palwe und unser kleiner
Rosengarten. Wir sind heimatlos, und das habe ich hier wieder
besonders stark empfunden. Aber wir werden immer wieder neue Kraft
haben, sie erbitten, um bis zum Ende zu bestehen. Ich glaube, daß
nach allem, was ich hier gesehen habe, das Bild Niddens in mir wieder
neu und groß geworden ist, daß dieses Erleben mir Kraft zu neuem Tun
gegeben hat. Und wir beide, Du und ich, werden zu keiner Stunde
verzagen und mit immer neuem Mut die Dinge meistern".
- Ernst Mollenhauer hat nach 1945 seine Heimat nie wiedergesehen.
Vielleicht waltete hierbei trotz allen Schmerzes und aller Sehnsucht
doch ein gnädiges Geschick: Der Anblick von häßlichen Mietshäusern
und Betonstraßen durch Dorf und Wald, die Zerstörung der großen
Einheit von Natur, Mensch und Tier, der so einmaligen Atmosphäre des
alten Nidden und des Blode-Hauses sind ihm erspart geblieben. Was
bleibt, sind seine Bilder, ist sein Werk, zu dem er angetreten war und
über das er in einem Interview 1948 sagte:
- Es ist schwer, Worte über mein Werk zu finden, denn schließlich
sollen meine Arbeiten allein alles aussagen. Sie sollen ein Spiegel
meines Lebens sein. Gott hat uns die Seele gegeben, um zu ihrer Freude
unter seinem großen Himmel zu leben. Wenn ich Gottes Schöpfungswerk
bewundern will, so muß ich die Seele zum Erklingen bringen. Jedes
Bild, das ich mit meiner Seele schaffe, soll zu Gottes Lob werden. Man
schafft immer aus eigenem Instinkt heraus, und ich kann eigentlich
nicht sagen, woher es kommt und was es ist. Bilder aber wollen nicht
nur das Äußere wiedergeben, sondern Zustände aus unserer Not, aus
unserer Freude und unserem Leid offenbaren. Das aber ist das Geistige
in der Kunst".
- Anläßlich des 150 jährigen Gründungsjubiläums der Königsberger
Kunstakademie, deren Schüler Ernst Mollenhauer einst war, zeigte die
Kunstgalerie Kaliningrad 1995 eine umfassende Ausstellung seiner
Bilder. Wenn diese Ausstellung nun in Vilnius und in Memel, ganz nahe
der Kurischen Nehrung, gezeigt werden kann, so ist es wie eine
geistige Heimkehr des Malers in seine so sehr geliebte künstlerische
Heimat zwischen Haff und Meer. Davor bedeuten Jahre und Grenzen
nichts, denn "die Kunst ist lang! Und kurz ist unser Leben".
Vieles hat sich verändert, vieles an Schönheit und Urtümlichkeit
der Nehrungslandschaft ging verloren. Aber wer Augen hat zu sehen,
findet beides wieder in den Bildern Ernst Mollenhauers, der das
Wesentliche hinter den sichtbaren Dingen und Erscheinungsformen sah,
zu gestalten und zu bewahren suchte.
Maja E.-Mollenhauer
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