VARENA

Das Verwaltungszentrum des Bezirks besteht eigentlich aus zwei Ortschaften. die sich beide  Varena nennen, jedoch ganze 5 Kilometer voneinander entfernt liegen. Die jüngere der MerkineSchwesternstädte, in der sich alle Verwaltungsbehörden befinden, entstand als Ableger von Alt-Varena an der Eisenbahnlinie Sankt Petersburg - Warschau, die 1862 fertig wurde. Zudem sind die Ortschaften durch den Fluß Merkys getrennt, und nach der Okkupation des Vilnius Gebiets durch Polen auch durch die Demarkationslinie, welche dem Flußlauf folgte.
Alt-Varena wurde, wie die Sage erzählt, von der Göttin der Jäger und Fischer, Varene, gegründet. Die historischen Quellen zeugen jedoch, daß der Ort von Großfürst Vytautas als Jagdresidenz gegründet wurde. Briefe des Fürsten an den Deutschen Orden sind noch erhal-
ten, die er 1413 von Varena aus geschrieben hat. Später wurde hier ein Gut gegründet, daß dem Schatzmeister des Großfürstentums gehörte. Berühmt geworden ist Varena durch die
Kasernen, die zu Zarenzeiten gebaut wurden. Es waren die größten Artilleriekasernen - samt Schießplatz - des Imperiums. Zur Zeit der Unabhängigkeit wurden sie von der litauischen Armee genutzt. Im Jahre 1939, als Litauen unter Gewaltandrohung den "Nichtangriffs und Freundschaftspakt" mit Stalins Sowjetimperium zu unterzeichnen gezwungen war, zog die Rote Armee in die Kasernen. Als Litauen schließlich gänzlich von der Sowjetunion geschluckt
wurde, also 1940, dienten sie als Internierungslager für Offiziere der litauischen Armee. Mit Beginn des Krieges sind sie in die Lager des GULAG verbracht worden, wo die meisten
umkamen. Die herrlichen Fichtenwälder und Forste um Varena sind in ganz Litauen wegen
ihres Pilzreichtums bekannt. Während der Saison kommen hier Pilzfreunde aus dem ganzen Land, um Steinpilze zu sammeln.

Varena ist jedem Litauer auch deswegen teuer, weil hier der Maler und Komponist
Konstantinas Ciurlionis (1875 - 1911) geboren wurde. Sein Geburtshaus ist allerdings nicht nur nicht erhalten geblieben, von ihm weiß man nicht einmal, wo es gestanden hat. Die Straße vom Ort seiner Kindheit, Varena, nach Druskininkai (sh. dort), wo er seine Jugend verleb-
te, wurde nach dem Kriege von Volkskünstlern mit den unvermeidlichen Schnitzwerken markiert. In der Tat zeichnen sich die Bilder des Meisters durch eine ungewöhnliche Sensibilität der Farbgebung aus. Ihr Gehalt ist dagegen zumeist von einem durchsichtigen My-
stizismus und volkstümelnden Symbolismus geprägt. Aber gerade diese Mischung aus höchster malerischer Brillanz und dem Volk verpflichteten und verstehbaren Aussage hat ihn zu so einem beliebten, ja zu einem Heiligen der Nation gemacht.

Sein Name ist innerhalb der europäischen Kunst wohl zu Unrecht so wenig bekannt. Immerhin könnte man ihn zu den wichtigsten Vertretern des Symbolismus sowie des Jugendstils in der Malerei rechnen. Auch seine Versuche, Musik "zu malen" sind auf einzigartige Weise gelungen. Der französische Schriftsteller Romain Rolland beispiels-
weise hat öiurlionis sehr geschätzt. Die Reproduktion des Gemäldes "Saulys" ("Der Schütze" aus dem Zyklus der Sternzeichen) hing in seiner Villa. Roland schrieb: "Es ist schwer in Worte zu fassen, wie sehr mich diese wunderbare Kunst bewegt hat, die nicht nur die
Malerei bereichert hat, sondern auch die Vorstellung von Polyphonie und Rhytmus in der Musik erweitert hat... Dies ist ein neuer geistiger Kontinent, und öiurlionis wird zweifelsohne sein Kolumbus bleiben." Auf den Inseln Franz-Jösef-Land im hohen Norden wurde ein Gebirge nach Ciurlionis benannt, und im Pamir ein Berg. 1984 wurde ein neu entdeckter Asteroid, der zwischen Mars und Jupiter um die Sonne kreist, öiurlionis genannt.

Aus "Durch Litauen und ehemaliges Ostpreussen". Vilnius, „Mokslas", 1990

 


  © Das litauische Museum für bildende Kunst, 2001
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Erneut: 2003.06.10
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