TRAKAI
Wenn es in Litauen ein Muß gibt, dann ist es der Besuch
der mittelalterlichen Hauptstadt des Landes Trakai. Nicht bloß die
Burgruine der Halbinsel, die herrliche Inselburg und die gut erhaltene
Kleinstadt sind unbedingt sehenswert, sonder
n auch die wunderschöne
Seen-
landschaft
mit ihren sanft geschwungenen, bewaldeten oder im Gold der Kornfelder
leuchtenden Höhen, ihren immer noch fischreichen Seen Galve, Lukas und
Totoriskes, deren zahlreiche Inseln zum Besuch während einer
Ruderpartie einlanden. Das Ganze ist zweifelsohne eine Attraktion
europäischen Ranges, so wie nur noch die Kurische Nehrung und
vielleicht der Nationalpark.
Die Ortschaft selbst ist uralt. Sicher ist, daß sie schon im 12.
Jahrhundert befestigt war. Im 13. Jahrhundert war Trakai schon eine
Stadt, und im 14. stand schon die Halbinselburg, die Burg Alt-Trakai,
die zusammen mit den nahegelegenen Burgen Daniliskes, Streva und
Brazuole ein großer Verteidigungssystem bildeten. Die Stadt wurde wohl
nach dem Beispiel von Riga aufgebaut, denn es ist bekannt, daß in den
30er und 40er Jahren jenes Jahrhunderts sich hier auf Einladung der
litauischen Fürsten deutsche Handwerker und Händler ansiedelten.
Alt-Trakai wurde laut der "Litauischen Chronik" im Jahre 1321
vom Großfürsten Gediminas gebaut, der während der Jagd "im Wald
einen schönen Berg entdeckte, von Eichenwäldern und Feldern, der ihm
so gefiel, daß er dortselbst eine Stadt gründete und sie Trakai
benamste." Natürlich ist dies eine schöne Legende, so wie auch
die folgenden Angaben lediglich Vermutungen romantisch-patriotischer
Historiker sind, denn Quellenbelege gibt es dafür nicht. So habe denn
Gediminas Alt-Trakai seinem Sohn Kestutis geschenkt, woselbst
seine Gattin, die berühmte Schöne aus Palanga, Birute (die als
Vestalin das heilige Feuer gehütet und von dem verliebten Fürstensohn
geraubt worden sei), ihm 1350 den nachmals Großen Vytautas geboren
habe. Aber dann ließ sich Kestutis die Burg auf der Halbinsel
bauen, und Alt-Trakai verlor seine Bedeutung. Es ist möglich, daß sie
1391 von den Rittern des Deutschen Ordens geschleift wurde. 1405 hat
dann Vytautas an ihrer Stelle eine Kirche bauen lassen und ein
Bernhardinerkloster gegründet. Gegenwärtig ist der Burgplatz im Süden
des Städtchens mit allerlei Wirtschaftsgebäuden umstellt, und in
seiner nordwestlichen Ecke steht die neugotische Kirche der Verkündung
Maria und des heiligen Benedikt, die 1899 geweiht wurde.
Man hatte ursprünglich gemeint, die Halbinselburg sei älter als die
Inselburg. Aber Grabungen der letzten Zeit haben ergeben, daß beide
etwa gleichzeitig gebaut wurden, nämlich während der ersten Hälfte
des 14. Jahrhunderts, wahrscheinlich von Großfürst Kestutis (von ca.
1297 - 1382). Sie sind kurz vor der Schlacht bei Tannenberg schon unter
dessen Sohn Vytautas (1350 - 1430) nach heftigen Thronfolgekämpfen mit
seinem Cousin Jogaila, dem auch die Ermordung von Kestutis angelastet
wird, fertig geworden. In der Ordenschronik wird berichtet, daß die
neue Burg (wahrscheinlich die Inselburg) im Jahre 1377 berannt, aber
nicht eingenommen wurde. So habe man halt die Stadt eingeäschert und
sich zurückgezogen.
Die Halbinselburg ist nur noch schlecht erhalten, einige Mauerreste und
die Ruine des südöstlichen Turms stehen noch. Das Ganze ist nun ein
Parkgelände. Vor ihm steht eine Kapellensäule aus dem 18. Jahrhundert,
die vordem als Leuchtturm am See gestanden hatte.
Das Schicksal der Inselburg ist etwas günstiger verlaufen. Es handelt
sich um eine gotische Backsteinburg inmitten des Galve Sees. Die
Hauptburg wird von einem Torturm markiert, das beiderseits hohe Gebäude
flankieren. Die Vorburg ist größer, die Mauern sind jedoch niedriger.
Von der Hauptburg ist sie durch einen tiefen Graben mit Ziehbrücke
getrennt.
Die ganze Anlage wird schon seit Jahrzehnten allmählich wieder
aufgebaut. Ein solches Vorhaben ist natürlich zweifelhaft, denn die
alten Mauern haben zweifellos ihre Patina und ihre RuinenRomantik
eingebüßt. Anderseits ist es das einzige Baudenkmal von solchem
Wert in Litauen, sodaß auch sein vollständiger Wiederaufbau als Symbol
der großen Vergangenheit der Nation verständlich sein muß. Die
Arbeiten werden überaus sorgfältig durchgeführt, alte Zeichnungen und
Pläne vom ursprünglichen Zustand sind ebenfalls vorhan-
den, sodaß das neue Gesamtbild einigermaßen dem ursprünglichen
entsprechen dürfte.
Um zur Geschichte zurückzukehren, so haben die Mauern zweifelsohne
große und schreckliche Tage gesehen. Nach der Ermordung des Kestutis im
Jahre 1382 hat hier zehn Jahre lang der nach Osten orientierte Fürst
Skirgaila seine Residenz gehabt. Er siedelte ihm ergebene Russen in
Trakai an, die eine Kirche bauten und ein Kloster gründeten. Fürst
Vytautas kämpfte um seines Vaters Erbe im Bündnis mit dem Deutschen
Orden. Zusammen mit einem Ritterheer belagerte er Trakai und eroberte
die Burg schon während des Kreuzzuges von 1383. Um es nicht in die
Hände seines Rivalen zu geben, brannte Skirgaila
1390 ganz Trakai nieder. Erst 1392 gelang es ihm, im Frieden von Ostrau
seine Erblande zurückzugewinnen.
Während der Regierungszeit von Vytautas waren Trakai eine seiner
wichtigsten Residenzen. Hier gastierten oft ausländische Botschafter
und Staatsmänner, unter ihnen der Großmeister des Livlän-dischen
Ordens. Aber offensichtlich durfte Vytautas sich nicht auf die
Treue
seiner eigenen Stammesgenossen verlassen, hat er doch in den Jahren 1396
- 1997 Tataren, und 1398 die turksprachigen Karaimen mosaischen Glaubens
von der Krim in der Stadt angesiedelt, um aus ihnen die Burgmannschaft
und seine Leibwache zu bilden. Außerdem
waren es erfahrene Handwerker und weitgereiste Händler. Nachfahren
dieser beiden Völkerschaften leben bis auf den heutigen Tag in Trakai.
Nachdem Vytautas - nun schon zum dritten Mal - sich hatte christlich
taufen lassen, ließ er 1409 eine Kirche bauen.
Eher peinlich ist die Geschichte von der mißglückten Krönung des
Großfürsten zum König im Jahre 1430. Die Sache war , so gut wie
perfekt - die Verhandlungen mit Papst und Kaiser Sigismund sowie Cousin
Jogaila waren leidlich verlaufen, und die Krone in Österreich bestellt.
So hatte er denn eine große Menge adliger und weniger adliger Gäste zu
seinem
Krönungsfest nach Trakai geladen. Aber die Boten des Kaisers mit der
Krone kamen niemals an, denn polnische Bojaren, die einen Separatstaat
Litauen verhindern wollten, fingen die Gesand-schaft ab, nahmen ihnen
die Krone und schmolzen sie um. Vytautas gab noch
nicht nach, zwang den um Frieden bemühten polnischen König, seinen
Cousin Jogaila zu neuen Verhandlungen nach Vilnius zu schicken und eine
neue Krone zu bestellen. Sie sollte allerdings nicht mehr via Polen
transportiert werden. Aber der Achtzigjährige erlebte die Ankunft der
erträumten Insignien nicht mehr: auf dem Rückweg nach Trakai fiel er
vom ross und verletzte sich erheblich. Vom Krankenlager stand er nicht
mehr auf. Es gehen Gerüchte um, daß er mögliicherweise von seinen
Feinden vergiftet wurde - aber Genaues weiß man darüber nicht.
Anschließend regierte hier der Großfürst Svitrigaila und ab 1432 der
Fürst Zygimantas aus dem Hause Kestutis. Er wurde 1430 von
Verschwörern in der Burg ermordet. Unter Kazimir aus dem Hause Jogaila
blühte die Stadt wieder auf. Zeitweise gewann sie europäisches
Format.
Die Karaimen genossen offenbar hohes Ansehen, denn sie erhielten
ausgedehnte Sonderrechte beim Handel, wohnten im eigenen Stadtviertel,
hatten eigene Gotteshäuser. In Glaubensangelegen-heiten waren die erst
frisch getauften Heiden auch sonst großzügig.sodaß in der Stadt alle
möglichen Glaubensgemeinschaften und Sekten ihre Kirchen und Moscheen
hatten.
Das Leben im Großfürstentum war sogar für mittelalterliche
Verhältnisse recht grausam. So beschreibt etwa der Gesandte des
Heiligen Römischen Reichs in Rußland, Sigmund Freiherr zu Herberstein,
Neyperg und Guettenhag, in seiner 1579 erschienenen "Moscovitischen
Cronica" (ersch. beim Manesse VIg., Zürich, 2. Aufl. 1985) das
Leben in Litauen:
"Ein armes Volk in harter Dienstbarkeit gehalten. Wenn irgendein
Gewaltiger in
eines armen Bauern Haus kommt, nimmt er, was eßbar ist und war er will,
umsonst, schlägt noch dazu den armen Mann, wenn der es nicht
herausgeben will. Darum liegen die Dörfer gewöhnlich abseits der
Straße. Der Untertan wagt zu seinem Herrn ohne Geschenke nicht zu
kommen. Wenn sie solche bringen, schickt man sie an die Namestnik
weiter, das heißt Pfleger oder Angesehenere, aber besser sagt man
Statthalter; denen müssen sie auch etwas verehren, sonst setzen sie
nichts Gutes fest. So geht es aber nicht allein den armen Bauern;
auch die armen Edelleute werden selten gehört oder vorgelassen, wenn
sie ohne Gaben zu den Mächtigen kommen. Ich habe einen königlichen
Hofmeister in Litauen sagen hören: ein jegliches Wort ist Gold. Das ist
zu verstehen: man hört keinen, man fördert keinen ohne Gabe. ... Wenn
der Herr Gäste oder Hochzeit hat, zu Hof oder anderswohin reiten will,
so legt man auf das Dorf eine Zahl Gänse, Hühner, Lämmer oder andres.
Dem Pfarrer muß der Bauer geben, wenn er ein Weib nimmt oder sie ihm
stirbt, wenn ihm ein Kind geboren wird
oder stirbt, dann zur Beichte. Es wird einen verwundem oder unglaublich
scheinen, wie die Armen so noch zu leben vermögen. Diese schwere
Dienstbarkeit ist über das arme Volk seit den Zeiten des großen Witold
(derselbe Vytautas - H.A.) gekommen. Wenn gar einer zum Tode verurteilt
wird, so muß er sich selbst henken; tut er es nicht, wird er so
jämmerlich geschlagen, daß ihm der Tod'geringer ist, und muß sich
doch erhängen."
Nun, mit dem Verfall der Macht Litauens verfielen auch die Burganlagen
von Trakai. 1655 haben die Truppen des Zaren sie gründlich geschleift.
Was noch an Ruinen übriggeblieben war, verfiel allmählich ebenfalls.
So beispielsweise die recht interessanten Fresken im
Thronsaal, von denen nur noch Skizzen erhalten sind. In der
wiederaufgebauten Inselburg ist eine Ausstellung zu besichtigen, im Saal
finden während der Saison Kammermusikkonzerte statt.
Eine Besichtigung der Altstadt lohnt ebenfalls. Das Viertel der Karaimen
ist an den kleinen Holzhäusern zu erkennen, die mit einem Ende zur
Straße hin gewendet sind und drei Fenster aufweisen. Das Gebetshaus der
Karaimen ist ebenfalls erhalten (Karaimu Str. 30). Auch eine Ausstellung
über ihr Leben kann man in der Karaimu Str. 22 besichtigen, und in
derselben Straße Nr. 65 ihr Nationalgericht Kibinai kosten.
Die Kirche der Aufsuchung der heiligen Mutter Maria stammt noch aus dem
17. Jahrhundert und weist einige Züge der Gotik sowie des Barock auf,
denn sie wurde 1717 umgebaut. Innen gibt es einige wertvolle Gemälde.
Während der letzten Jahre hat sich die Stadt wesentlich erweitert, man
versuchte sie touristisch zu erschließen.