TELSIAI
Das Verwaltungszentrum des Bezirks ist das Herz der
Zemaitija, ist ihre wirkliche Hauptstadt. Die Stadt liegt auf
einigen hohen Hügeln, am Flüßchen Durbinis. Die Legende will es,
daß der Ort vom zemaitischen Riesen Dziugas (Telsys) gegründet
worden sei. Historische Quellen erwähnen die Stadt seit 1398, das Gut
seit dem 15. Jahrhundert. In der Stadt hatte der Rat und das Gericht
der Ältesten der Zemaitija ihren Sitz. Eine Kirche wurde schon vor
1547
gebaut. Aber die mittelalterliche Stadt war klein: 1674 gab es ganze
42 "Feuerstellen", 1789-85, und 1797 auch erst 105. Durch
die Pest von 1710 sind zudem die meisten Einwohner dahingerafft
worden. Die fast schon bockige Eigenwilligkeit der Zemäiten hat,
könnte man meinen, die Litauer als Nation gerettet. Als der
Großfürst Vytautas Zemaitija ein
paarmal an den Deutschen Orden "verschenken" wollte, haben
sich die Zemaiten nicht verschachern lassen und sind gegen ihren und
die fremden Fürsten aufgestanden; als die katholische Kirche sie
polonisieren wollte, haben sie den Gang zur Kirche verweigert; sie
sind erst zu braven Schäfchen der Mutter Kirche geworden, als die
Priester, im Abwehrkampf gegen die von außen herangetragene
Orthodoxie, anfingen, für die Wiedergeburt Litauens zu agitieren und
litauisch zu predigen.
So ist es fast selbstverständllich, daß die Aufstände gegen die
Zarenherrschaft hier Unterstützung fanden. 1831 war die Stadt in den
Händen der Aufständischen, 1863 ebenfalls. Nur haben dann plötzlich
über die Stadt herfallende Kosaken zwei der Anführer - die Priester
Noreika und Gargasas - gefangengenommen und im Feldgerichtsverfahren
zum Tode verurteilt. Es wurde sofort, aber außerhalb des Ortes auf
einer Wiese vollstreckt, die Leichen verscharrt und zugeeggt. Trotzdem
hat das Volk ihre Helden nicht vergessen, und ihre sterblichen
Überreste wurden schließlich 1922 in der Kirche beigesetzt, und zum
hundertsten Gedenkjubiläum an den Aufstand wurde ihnen ein Denkmal an
der Stelle ihres Todes gesetzt.
Der Bischofsdom des heiligen Antonius von Padua wurde
von 1761 bis 1791 im Stile des Barock im Zentrum der Stadt auf einem
Hügel errichtet. Die Altäre stammen vom ortsansässigen Meister J.
Mazeika im Übergangsstil vom Barock zum Klasizismus. Der
Bischofspalast wurde im Jahre 1929 nach dem Entwurf des damals
bekannten Architekten V. Dubeneckis erbaut. Das schon 1571 in Kraziai
gegründete und erst später (1740) nach Telsiai verlegte
Priesterseminar war nach dem Aufstand von 1863 geschlossen und erst
1927 wieder eröffnet. Während der Herrschaft des Bolschewismus wurde
es abermals geschlossen, sein Vermögen konfisziert, und erst im Jahre
1989 ist es nun abermals wiedereröffnet worden. In Telsiai lebte
einer der ersten Dichter der Zemaitija, E. Klementas (1756 - 1823),
die Dichterin und Übersetzerin K. Praniauskaite (1828 - 1859), sowie
der
Theaterdirektor, Museumsleiter und Dichter Butku, Juze (1893 - 1947).
Auch der langjährige Vorsitzende des Obersten Sowjets der
Sowjetrepublik Litauen, der Journalist und Schriftsteller Juozas
Paleckis (1899 - 1980) wurde in Telsiai geboren. Seine Person ist
besonders umstritten, da er einerseits natürlich mit dem Regime
zusammengearbeitet und
es unterstützt hat, andererseits aber als wirklicher Patriot seines
Landes und kultivierte Persönlichkeit viel dazu beigetragen hat, daß
Litauen vor somanchen Einmischungen aus Moskau verschont blieb.
Das Heimatkundemuseum (Krastotyros Muziejus, in der
Muziejaus Str. 25) lohnt einen Besuch, denn es zeigt die Geschichte
der Zmaitija, und besitzt eine beachtliche Bildergalerie. Als
Höhepunkt der Kollektion muß zweifellos das Bild "Huldigung der
Könige" von Lucas
Cranach gelten. Es gibt auch einige Bilder holländischer Maler, sowie
der Maler P. Smuglevicius und K. Ruseckas aus Vilnius. Im Stadtpark
gibt es eine Freiluftausstellung mit zemaitischen Häusern vom Ende
des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts.
Durch Litauen und ehemaliges Ostpreussen".
Vilnius, Mokslas", 1990