ROKISKIS

Museum RokiskisBezirkszentrum in den weiten Ebenen des Nordostens von Litauen, unweit der Grenze zu Lettland. Das Schloß .und Gut von Rokiskis werden schon 1499 in einem Schreiben des Königs von Polen und Großfürsten von Litauen, Alexander erwähnt, in dem es um die Rodung des Waldes geht. Im 16. Jahrhundert hat Zygimantas der Alte das Gut an die Fürsten Krozsinski (Krosinskis) geschenkt, die hier fast zwei hundert Jahre Herr waren. Die Letzte des Geschlechts, zur Witwe geworden, heiratete den Grafen l. Tyzenhaus, dessen letzte Erbin wiederum einen polnischen Millionär J. Pszezdecki ehelichte. Die Przsezdeckis (?) residierten auch noch während der Zeit der Unabhängigkeit Litauens in Rokiskis.

Besagter Tyzenhaus hatte sich vorgenommen, das ganze Städtchen umzubauen und sich eine neue Residenz zu scnaffen. Der geräumige Marktplatz der Stadt wurde durch eine einen Kilometer lange Allee mit dem Schloß verbunden. Die neue Residenz hat wahrscheinlich der Vertreter der klassizistischen Mode Stuoka-Gucevicius (1753 -1798) entworfen. Das ursprünglich in diesem Stil gehaltene Schloß wurde 1801 erbaut. Aber 1905 haben die neuen Herren es, dem eklektizistischen Zeitgeschmack entsprechend, als ein Gemisch aus allerlei Stilrichtungen der Vergangenheit umgebaut. Jetzt erinnert das Schloß etwas an einen Bahnhof einer mittleren Stadt. Seit 1940 ist es ein sehenswertes Heimatmuseum. Auch andere Gebäude des Gutsgehöfts - so das Gästehaus, das Torwärterhäuschen, das Bedienstetenhaus-sind architektonisch interessant. Wahrscheinlich stammt auch das Händlerhaus mit dem Säulengang zum Marktplatz hin vom eben erwähnten Architekten.

Beachtenswert ist dagegen die neugotische Backsteinkirche des Apostels Matthäus (lit.: Matas), deren dreischiffige Halle vom Architekten Gustav von Schacht stammt, und der 60 Meter hohe Turm, der nach Entwürfen des Wiener Architekten J. Werner errichtet wurde. Am Bau wurde in den Jahren 1868 bis 1883 gearbeitet. Die ganze Anlage ist schon durch den Zusammenklang verschiedener architektonischer Baukörper reizvoll: Der schmale, hohe Kirchturm leitet zum - betont weltliche Formen aufweisenden, eher an nordische Rathäuser erinnernden - Hauptbau mit dem Stufengiebel über, um schließlich in den sechseckigen Rundbau des Baptisteriums mit dem Kuppeldach auszuklingen. Das neugotisch ziselierte Interieur ist ebenfalls sehenswert, denn es enthält bestes Kunsthandwerk aus dem Europa seiner Zeit. Die Holzschnitzereien stammen aus Leuwen, die Bronzearbeiten aus Paris, die Glasfenster aus Wien. In der Krypta befindet sich die Familiengruft des Grafengeschlechts Tyzenhaus. Eine eher schlichte Büste erinnert an den Fliegergeneral der sowjetischen Luftstreitkräfte, J. Smuskevicius (1902-1941), der in Rokiäkis in einer jüdischen Handwerkerfamilie geboren wurde. Er wurde Flieger in der Roten Armee, Teilnehmer am spanischen Bürgerkrieg, wo er als General Douglas berühmt wurde. Dafür wurde er zum Helden der Sowjetunion dekoriert. Während des Zweiten Weltkriegs hat er 1939 an der Japanfront als Flieger und Offizier erfolgreich gekämpft, wofür er abermals als Held der Sowjetunion ausgezeichnet und Kommandierender der Luftstreitkräfte wurde. Aber dann geriet er in die Liste der angeblichen Verräter und wurde Opfer der Stalinschen Säuberungen. Auf dem Marktplatz setzt das Denkmal der Unabhängigkeit Litauens den Hauptakzent. Das Monument, von dem Bildhauer Robertas Antinis (1901-1981) in den Jahren 1929 bis 1931 geschaffen, lebt noch ganz im Geiste der Heldenverehrung und der nationalen Begeisterung der 20-er bis 30-er Jahre, deswegen sollte man weniger auf die grob-ungeschlachten Formen der künstlerischen Ausführung achten, als den Zeitgeist zu verstehen suchen, der auch unter den jetzigen Bedingungen des Kampfes Litauens für seine Freiheit wieder aktuell wird und ebenso nach starken, Selbstvertrauen vermittelnden Identifikationsfiguren verlangt.

„Durch Litauen und ehemaliges Ostpreussen". Vilnius, „Mokslas", 1990


  © Das litauische Museum für bildende Kunst, 2001
  © Die Redaktion des samogitischen Kulturvereins, 2001
  © Samogitia Kulturstiftung, 2001
  © Institut für Mathematik und Informatik, 2001

Erneut: 2003.06.10
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