MAZEIKIAI
Bezirkszentrum,
seit 1980 Ölstadt. Damals entstand hier eine riesige, an eine
Pipelinie aus Sibirien angeschlossene Raffinerie. Während der
Blockade Litauens wurde die Versorgung mit Öl zuallererst
unterbunden, sodaß Litauen ohne Treibstoff zu bleiben drohte. Jedoch
die private Versorgung spielte sich erstaunlich rasch ein: überall an
den Parkplätzen wurde in Fässern aus Rußland und anderswo
herbeigeschafftes Benzin in ausreichenden Mengen verkauft - freilich
zu vier- bis fünffachen Preisen. So blieben jene, die nicht unbedingt
fahren mußten, eben zuhause oder fuhren mit den öffentlichen
Transportmitteln, deren Anzahl jedoch ebenfalls verringert wurde.
Insbesondere litten unter dem Treibstoffmangel die Fabriken, die
natürlich nicht individuell versorgt werden konnten. Und die
Landwirtschaftsbetriebe gingen dazu über, ihre Rinderherden und
Schweinebestände empfindlich zu dezimieren, nur um-zu überhöhten
Preisen - Dieselöl aus den Nachbarrepubliken zu beschaffen. Der
Schaden, den die Blockade in der litauischen Wirtschaft angerichtet
hat, läßt sich kaum ermessen, aber er wird noch jahrzehntelang zu
spüren sein, denn Rinderbestände lassen sich nicht so rasch wieder
auffüllen. Der "große Bruder" Moskau hat gehandelt wie ein
Vater, der seinen flügge gewordenen Sohn wieder einholt, in ein
dunkles Zimmer mit Kontaktverbot einsperrt und dazu noch unter Brot
und Wasser setzt... Der Besucher unseres Landes wird verstehen, daß
die Litauer nach diesem Erleben noch weniger geneigt sind, neue
Staatsverträge mit Mächten einzugehen, die politische
Auseinandersetzungen nicht anders zu lösen vestehen, als mit
militärischen und ökonomischen Druckmitteln, die ja völkerrechtlich
als Kriegsmittel gelten.
Die Umweltbelastung des Energieriesen ist enorm,
Filter, wenn es sie gibt, funktionieren meist schon wegen Mangel an
Ersatzteilen - deren Herstellung im Plan nicht vorgesenen ist - nicht,
die Abwasser geraten ins Erdreich. So ist Mazeikiai die vielleicht am
stärksten umweltbelastete Stadt der Republik. Die sozialistischen
Planbürokraten haben an die Produktion gedacht, und dabei den
Produzenten - den Menschen - wieder einmal vergessen.
Die örtliche Stadtverwaltung gibt sich jedoch Mühe,
die neue Siedlung so bewohnbar als möglich zu gestalten. Die
Hauptstraße wurde mit Skulpturen und Denkmälern für den
Schriftsteller Vienazindis, die Schriftstellerin Satrijos Ragana, den
Regisseur Vaickus geschmückt.
Die Stadt ist nicht alt, obwohl eine Ortschaft schon
im 16. Jahrhundert bekannt ist. Aber erst 1868 begann hier eine
Siedlung zu wachsen, als die Eisenbahnlinie gebaut wurde. Nahe beim
Hof des Bauern Mazeikis wurde die Eisenbahnstation gebaut, und die
ganze Ortschaft erhielt seinen Namen. Seit dem Bau einer
Eisenbahnlinie nach Riga erhielt Mazeikiai einige Bedeutung als
Eisenbahnknotenpunkt. Später, während der ZarerTzeit, wurde der Ort
in Murawjow (1899-1918), nach dem grausamen Gouverneur der Provinz,
umbenannt. 1894 wurde die russisch-orthodoxe Kirche, 1902 die
katholische, 1908 die evangelische gebaut, und 1924 die Synagoge.
Während des Ersten Weltkriegs hat ein Deutsches Feldgericht 40
Bürger zum Tode verurteilt und exekutiert. An der Stelle der
Exekution steht seit 1930 die Herz-Jesu Kapelle. Während des Zweiten
Weltkriegs wurden über 4000 Menschen, zumeist Juden, von den Nazis
umgebracht. Im Heimatkundemuseum kann man sich eingehender mit der
Geschichte der Stadt bekannt machen.
Durch Litauen und ehemaliges Ostpreussen".
Vilnius, Mokslas", 1990