KEDAINIAI

Stadtwappen KedainiaiBezirksverwaltungszentrum, Stadt am Ufer des Nevezis in der zentrallitauischen Niederung gelegen. Die Stadt wird in historischen Quellen ertmals im Jahre 1372 erwähnt. 1590 wurden ihr Städtrechte und Wappen verliehen. 1614 fiel Kedainiai an die Fürstenfamilie der Radvila, die zu jener Zeit entschiedene Parteigänger der Reformation waren und die zunächst erfolgreich für ihre Verbreitung in Litauen gesorgt haben. Sie haben in Kedainiai, wie zuvor schon in Birzai ein Mittelpunkt der Reformation geschaffen. Als die Jesuiten in Vilnius mit der Verfolgung der Protestanten begannen, haben viele von ihnen in den Landen der Radvila Asyl erhalten, so auch die Kalvinisten, die sogar aus Schottland und anderen Ländern kamen. Erst durch die aufklärerische Tätigkeit des neuen Glaubens gezwungen, begann auch die  katholische Kirche Schulen und andere Bildungseinrichtungen zu gründen und litauische Bücher herauszugeben. 1625 hat Kristupas II. Radvila in Kedainiai eine vierklassige reformierte Schule gegründet, die er mit einer für damalige Verhältnisse reichhaltigen Bibliothek versah. Von

1641 an hat hier neun Jahre lang der berühmte Ingenieur A. Freitag, der aus Thorn hierher berufen wurde, Mathematik unterrichtet. Später hat er die Festung Birzai gebaut. 1651 wurde in Kedainiai eine Druckerei gegründet, in der der Buchdruckmeister J.C. Reth aus Danzig gewirkt hat. Hier wurden drei Bücher in litauischer Sprache gedruckt, die, in einen Band gebunden, unter dem Titel "Buch christlicher Frömmigkeit" herausgegeben wurden. Auch eine Papiermanufaktur gab es. Die Stadt nahm damals einen starken Aufschwung: sie hatte sechs Marktplätze, was für Litauen einmalig bleiben sollte. Mehr als zehn Handwerkergilden waren tätig. Eine reformierte Kirche wurde gebaut, das Rathaus, das Haus der Senjoren und das der Rektoren. Aber während der Schwedenkriege hat die Stadt sehr gelitten. Krankheiten, die Pest und Feuersbrünste leiteten ihren Niedergang ein.

Nur die Schule wahrte ihren Ruf. An ihr hat beispielsweise der spätere Flugpionier Litauens, A. Griäkevicius (1809-1863) gelernt, der einige Flugapparate entworfen hat, unter ihnen den berühmten "Zemaitischen Dampfflieger". In der Schule wurden Flugblätter und Pamphlete gegen den Zaren hergestellt und verbreitet. Deshalb wurde sie 1824 geschlossen. Die aktivsten Schüler, die zu den bekannten Filomaten und Filareten gehörten, wurden verhaftet, andere zu ihren Eltern geschickt, ohne das Recht, andere Schulen zu besuchen. Die liberale Stadt hat natürlich auch an den Aufständen von 1831 und 1863 teilgenommen. Nach dem Bau der Eisenbahnlinie im Jahre 1871 hat sich die Stadt einigermaßen erholt, einige Manufakturen wurden wieder gegründet.

Die Kleinstadt ist auch heute mit all ihren krummen Gassen und Gäßchen, die liebevoll restauriert werden, sehenswert. Insbesondere der Große Marktplatz wird noch von alten Bauten gesäumt. Dieser Stadtteil hat sich schon im 16. -17. Jahrhundert geformt. Obwohl vieles durch Krieg und Brand vernichtet ist, bleibt Kedainiai eine der wenigen Städte Litauens, die noch eine erhaltene Altstadt vorweisen können.

Das ehemalige Rathaus von Kedainiain wurde 1653 -1654 umgebaut. Vorher wares L-förmig, zweistöckig und hatte eine Turmuhr. Parterre waren Geschäfte untergebracht, im ersten Stockwerk befanden sich die Verwaltungsräume samt Gericht, und in den Kellern waren das Gefängnis und das Archiv untergebracht. Seit dem Brand von 1770 stand der Bau als Ruine, bis er 1960 erneuert wurde, und 1983 erhielt er nach einem Entwurf des Architekten L. Aksamitauskas sein vermutlich ursprüngliches Aussehen wieder. Im Rathaus befindet sich jetzt eine Kunstausstellung, eine Apotheke.

Die Kai vi n istische Kirche (1631-1653) und der Glockenturm nebenan wurden in den Jahren der Religionskriege gebaut, was wahrscheinlich der Grund für ihr festungsartiges Aussehen ist. Die Renaissancekirche besitzt vier Ecktürmchen im schlichten Barock. Sehenswert auch das Haus der schottischen Händler. Die Rektorenhäuser wurden um 1660 gebaut. In ihrer Form und ihrer Raumplanung sind es typisch litauische Stadthäuser.

Die Kirche des Heiligen Georg ragt wie eine Burg über dem Ufer des Nevezis. Die Kirche an diesem Platze war ursprünglich im 15. - 16. Jahrhundert errichtet, aber sie wurde um die Jahrhundertwende vom 18. zum 19. Jahrhundert gründlich umgebaut. Am anderen Ende der Stadt, nahe der jetzigen Busstation, steht die Lutherische Kirche - ein Bau in sparsamer Renaissance aus dem 17. Jahrhundert. Während der Restaurierungsarbeiten sind unlängst Fresken in ruhigen Tönen entdeckt worden. Hier befindet sich auch eine Gedenktafel für A. Freitag. Jetzt ist hier eine landeskundliche Ausstellung untergebracht. Gegenüber der Eisenbahnstation sehen wir hinter den Bäumen versteckt ein für litauische Verhältnisse geradezu exotisches Bauwerk - eine Moschee im islamischen Stil. Sie wurde 1880 bis 1887 aus einer der Marotte des Generals der russischen Armee, E. Todleben errichtet, als dieser aus dem Kriege gegen die Türken zurückgekommen war und hierher versetzt wurde.

„Durch Litauen und ehemaliges Ostpreussen". Vilnius, „Mokslas", 1990


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Erneut: 2004.04.26
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