KAUNAS

Die zweitgrößte Stadt Litauens, ehemals "vorläufige" Hauptstadt. Fast eine halbe Million Einwohner. Die Stadt befindet sich etwa in der Mitte des Landes. Sie dehnt sich in den Tälern der hier zusammenfließenden beiden größten Ströme Litauens - des Nemunas und der Neris aus, und hat auch schon die umliegenden Höhen erklommen. Mit über 89% Litauern ist dies die "litauischste" Stadt. In Kaunas befinden sich an die 80 Fabriken, 6 wissenschaftliche Institute und 5 Hochschulen mit fast 23 tausend Studenten. Das Herz- und Kreislaufinstitut ist weithin berühmt. 1922 wurde hier die erste litauischsprachige Universität gegründet, die später zu Ehren von Vytautas dem Großen nach ihm benannt wurde. 1989 ist sie von einigen beherzten Patrioten auch aus Emigrantenkreisen wiedergegründet worden. Ferner gibt es 50 allgemeinbildende und 16 Berufsschulen.
In der Stadt tragen 3 Theater - das Schauspiel-, das Musik- und das Puppentheater - zum Kulturleben bei, ebenso wie die Philharmonie, das Kriegsmuseum, die Bildergalerie. Archäologen haben festgestellt, daß hier schon im 4.- 5.Jahrhundert eine Siedlung bestanden hat. Aber die Stadtgeschichte wird nach ihrer ersten urkundlichen Erwähnung im Jahre 1361 gezählt, als sie in der Chronik des Wiegand von Marburg im Zusammenhang mit Erkundungsmärschen der Kreuzritter genannt  wurde. Ein Jahr später, so wird berichtet, hätten die Ordenskrieger die hiesige Litauerburg eingenommen und geschleift. Sie wurde wiedererrichtet, aber auch wieder genommen. Erst nach der Schlacht bei Tannenberg (1410) hörten die "Litauerreisen" und damit auch die Belagerungen von Kaunas auf. Die Stadt wurde zu einem Handels- und Handwerkerzentrum und begann schneller zu wachsen. Nun kamen die Deutschen zu friedlichen Zwecken, denn die litauischen Herrscher taten alles, damit ihr Land den Anschluß an Europa erreicht, und luden dazu Handwerker insbesondere aus deutschen Landen zu sich. In Kaunas siedelten besonders viele deutsche Händler, sodaß sie sogar Sitz und Stimme im Magistrat und Gericht hatten. Im Jahre 1408 erhielt Kaunas die Magdeburger Stadtrechte. Von 1441 bis 1532 hatte hier die Hanse ein Kontor. Im 16. Jh. gab es über 40 Handwerkergilden, eine Schiffswerft, ab 1578 eine Papiermanufaktur, seit 1665 wurde hier das Geld des Großfürstentums Litauen gestanzt. Die späteren Jahrhunderte brachten insbesondere durch die Schwedenkriege des 17. bis 18. Jahrhunderts einen empfindlichen Niedergang der Stadt, sodaß sie 1721 nur noch anderthalb tausend Einwohner zählte. Der Aufstieg setzte nur langsam wieder ein, wurde durch den zweimaligen Durchmarsch der "Grande Armee" Napoleons und ihre Verwüstungen empfindlich getroffen. Aber als die Stadt mitte des letzten Jahr hunderts Hauptstadt des gleichnamigen Gouvernements des Zarenreiches wurde,ist wieder mehr gebaut worden, sodaß 1871 schon 86,5 tausend Menschen in "Kowenj", wie die Stadt auf russisch hieß, wohnten.
Nach der Besetzung von Vilnius durch Polen 1920 wurde Kaunas zur "vorläufigen" Hauptstadt Litauens. Die Stadt wuchs bis auf 154000 Einwohner (1941). Es wurden recht viele Verwaltungsbauten errichtet, die zumeist im Art Deco-Stil gehalten sind: Das Bankgebäude (1929, Architekt M.Songaila), das Kriegsmuseum (1936, Architekt V. Dubeneckis), Handels- und Handwerkspalast, in dem sich jetzt die öffentliche Bibliothek befindet (1938, Architekt V. 2emkalnis), das Justizministerium, jetzt Philharmonie (1928, Architekt E. Fricke), das Offiziershaus ( 1935, Architekt S. Kudokas) und andere. 1933 wurde mit dem Bau des bedeutendsten Objekts begonnen-der Kirche der Auferstehung auf der Höhe des Zaliakalnis (Architekt K. Reisenas). Der Bau der roten Backsteinkirche wurde 1940 unterbrochen, und nach dem Kriege wurde in ihr eine Radiofabrik untergebracht. Erst 1990 erhielten die Gläubigen die fast fertige Kirche zurück.

Die Altstadt
Alt-Kaunas ist eine sehr gemütliche Stadt, die noch viel von ihrem mittelalterlichen Kern bewahrt hat, insbesondere in der Straßenführung mit ihren Plätzen, Gassen und Gäßchen. Vieles ist schon sorgfältig restauriert, aber vieles wird noch getan. Die Burg ist zweifelsohne der älteste Stadtteil. Sie lag auf der Halbinsel, die vom Zusammenfluß des Nemunas und der Neris gebildet wird, also strategisch sehr günstig. Man fand hier Verteidigungseinrichtungen schon des 4. und 5. Jahrhunderts. Eine feste Steinburg wird in die zweite Hälfte des 13. Jh. datiert. Die Mauern waren über 2 Meter dick und bis zu 13 Metern hoch, mit einem Burg-graben davor. Die ganze Anlage war rechteckig. Sie wurde 1362 von den Ordensrittern genommen und geschleift, aber bis spätestens 1368 war sie wiedererrichtet worden. Nun waren die Mauern 3,5 Meter dwk, an den vier Ecken standen Türme. Während der Kämpfe zwischen Litauen und dem Deutschen Orden wechselte sie häufig den Besitzer, bis sie ab 1404 endgültig Litauen gehörte. Im 16. Jahrhundert ist sie den damaligen Erfordernissen entsprechend mit Bastionen und Vorwerken verstärkt worden. Später war hier ein Gefängnis, ab und an fanden auch Versammlungen der Bojaren statt, dann war hier eine Kaserne untergebracht, bis sie schließlich, ab Mitte vorigen Jahrhunderts, ganz verlassen wurde und allmählich verfiel. Während der Unabhängigkeitszeit hat sich die Regierung nicht
sonderlich um die Burg gekümmert, es wurden lediglich erste Explorations- und Konservierungsarbeiten unternommen. Erst in letzter Zeit wurde ernsthafter mit ihrer Wiederherstellung begonnen. Aber sie ganz herzurichten wird niemals mehr gelingen, da fast die Hälfte ihrer Mauern, von den Wassern der Neris unterspült, nun auf ihrem Grunde liegen. 
Das Rathaus auf dem großen alten Marktplatz fällt durch seinen eleganten hellen Turm auf, der wie ein weißer Schwan über den Dächern hervorragt. Der Platz selbst ist der vielleicht älteste Teil der Stadt, auf dem, wie überall im Mittelalter, auch Hinrichtungen stattfanden, aber auch Festlichkeiten, Umzüge, und später Parademärsche der Garnisonen. Anfangs waren fast alle Gebäude in Kaunas aus Holz. Aber durch die häufigen Brände belehrt, beschloß man nach deutschem Vorbild nur noch Backsteinbauten zu errichten. Die Bürger begannen beim Bau ihres Rathauses, dessen Grundsteinlegung im Jahre 1542 stattfand. ( Sein Vorläufer allerdings wird schon 1493 in Urkunden der Deutschen Hanse erwähnt.) Reste des gotischen Baus sind noch zu sehen - es sind die Keller und die Fundamente. Der Bau hat ebenfalls durch Feuer gelitten, er wurde oftmals umgebaut und verändert. Die jetzige Form stammt im Grunde vo Umbau der Jahre 1771 bi s 1780 nach den Plänen des Architekten J. Mateker. Das Rathaus erhielt ein frühklassizistisches Äußeres obwohl die konstruktive Auffassung noch vom späten Barock und Rokoko geprägt sind, insbesondere der fein gegliederte Turm. Das Interieur ist 1838 vom Architekten Podsasinskis neu gestaltet worden. Nach der letzten Rekonstruktion im Jahre 1973 wurde der Bau zum "Hochzeitspalast", eine Institution, die aus dem Versuch des atheistischen Staates geboren war, den seelenlosen Amtshandlungen des Registrierens von Heirat und Kindsgeburten etwas Feierliches zu geben. Dies Vorhaben ist nur'zum Teil geglückt: obwohl die amtliche Trauung im "Heiratspalast" schon Tradition geworden ist, bleibt das Gefühl, vor einem Beamten zu stehen, der nicht imstande sein kann, den Geistlichen zu ersetzen. Und so eilen die Brautleute mit ihren Hochzeitsgästen anschließend in die Kirche, wo die Worte über den"Bund fürs Leben" ein ganzanderes Gewicht erhalten.
Um den Marktplatz herum gibt es einige gut erhaltene und sorgfältig restaurierte  mittelalterliche Gebäude, die meisten noch gotisch. Das jetzige Restaurant "Gildija" war einst ein Bau der Händlergilde. Er wurde 1978 rekonstruiert. Das Restaurant ist mittelmäßig. Die Adam Mickiewicz-Schule ist im Kloster aus dem 17. bis 18. Jahrhundert untergebracht. Hier hat der Dichter in den Jahren 1819 bis 1823 als Lehrer gewirkt. Für jeden Liebhaber der litauischen Literatur ist das Haus, in dem der Dichter Maironis von 1862 bis zu seinem Tode 1932 gelebt hat, ganz besonders teuer. Das Stadtschloß wurde im 17. Jahrhundert gebaut. Jetzt befindet sich hier das Memorialmuseum für Maironis. Davor steht seine Portraitskulptur in Granit, die von dem Bildhauer G. Jakubonis 1977 geschaffen wurde. Schräg gegenüber liegt eine alte Apotheke, die heute ein Apothekenmuseum beherbergt.
Die Kathedrale von Kaunas steht an der Stelle, wo früher, d.h. mindestens bis 1413, die Kirche Peter und Paul gestanden hat. Im 15. Jahrhundert wurden das Presbiterium, die Empore und die Sakristei gebaut, 1624 dann der Turm und das Langschiff in Form einer Basilika geweiht. Nach einem Brand wurde sie wiederaufgebaut und 1671 abermals geweiht. Nach einer abermaligen Feuersbrunst, wurde der Dom bis 1775 ziemlich gründlich umgebaut, sodaß er heute im Innern von Stilgefühl des Frühbarock, durchsetzt mit Resten der Renaissance, geprägt ist. Der Bau sieht von der Westfasade her mächtig, ja trutzig aus, auch die übrigen Proportionen sind eher ungotisch - das Streben nach oben ist nirgends zu spüren, alles schmiegt sich an die Erde, gleichsam um aus ihr Kraft zu schöpfen, bei ihr Schutz zu suchen. Auch die schlichten, eleganten Renaissancedetails können diesen Eindruck nicht überdecken, sie unterstreichen ihn noch. Das hohe Fenster über dem Portal wirkt eher wie eine Schießscharte. Die Inneneinrichtung stört mit ihren neubarocken, sentimentalen Fresken vom Ende des letzten Jahrhunderts diesen Eindruck des SchlichtMächtigen leider erheblich. Man ist auf so einen Kontrast nicht gefaßt. Hier ist die Kathedrale ein von ihrer Auffassung her wirklich litauischer Bau. Auch das schlichte Grabmal des großen Dichters Maironis trägt dazu bei, daß die Basilika zu einem nationalen Heiligtum wurde. Geht man zur anderen Seite des Marktplatzes einige Meter weiter in Richlung Nemunas, dann kommt man an einem kostbaren Denkmal profaner Gotik vorbei: es ist das sogenannte "Haus des Perkunas" (der Hauptgott des heidnischen litauischen Pantheons, ein Donnergott). Wahrscheinlich ist dieser schöne Backsteinbau der Ostseegotik von deutschen Handelsleuten Ende des 15. oder Anfang des 16. Jahrhunderts errichtet worden. Die Ostfassade ist außergewöhnlich reich geschmückt, insbesondere die Giebelkomposition ist ein Beispiel spätgotischer Verwobenheit der Formen und geradezu scholastischer Spitzfindigkeiten der Komposition. Sie gemahnt an die zweifelsohne spätere Fassade der Annakirche in Vilnius. Das Gebäude ist oft und zuletzt noch 1928, als man große Fenster in die Fassade brach, ziemlich unbarmherzig behandelt worden. Bei der Restaurierung 1965 - 69 hat man versucht, ihren ursprünglichen Zustand wiederherzustellen. Der Bau hat seinen Namen von der kleinen Skulptur des Gottes Perkünas, die der Geschichtsforscher Theodor Narbut Anfang des letzten Jahrhunderts in einer Wand eingemauert gefunden hat. Sakralen Zwecken hat der Bau nur kurze.
Zeit gedient, als die Jesuiten es zu ihrer Kapelle gemacht hatten (1643 - 1722). Ab 1844 war hier das erste Schauspielhaus von Kaunas. Jetzt kann man Im "Donnerhaus" eine Ausstellung über die Altstadt sehen.
Insgesamt gibt es in der Stadt 11 Kirchen und 9 Klöster, die vor der letzten Jahrhundertwende gebaut wurden. Zu nennen wären da noch die gotische Vytautas-Kirche und die Kirche des Heiligen Georg.Die Kirche der Heiligen Gertrud weist schon Elemente der Renaissance auf, und die Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit repräsentiert den Übergang von der Renaissance zum Barock, ebenso wie die evangelisch-lutherische Kirche.
Fast die ganze Altstadt ist eine Fußgängerzone und eine Baustelle. Man kann annehmen, daß noch viel getan werden muß. Will man die Altstadt als Ganze sehen, geht man über die Aleksotas-Brücke über den Nemunas und hat von den Hügeln aus einen herrlichen Panoramablick.

Die Neustadt
Östlich der Altstadt gelegen, wird sie nördlich von den Abhängen des Zaliakalnis (die grünen Berge), südlich vom Nemunas, und im Osten von den Eisenbahnanlagen begrenzt. Erst als Kaunas Mittelpunkt des Gouvernements wurde, begann dieser Stadtteil zu wachsen. Er wurde nach einem 1871 entworfenen Generalplan gebaut. Als Hauptstraße war die jetzige Laisves AIeja (Allee der Freiheit) wie eine Achse angelegt, die regelmäßig von Nebenstraßen unterbro-chen wird. Auch heute noch ist die "Allee der Freiheit" die Hauptstraße von Kaunas, aber 1982 wurde sie grundlegend umgestaltet, und in einen breiten Fußgängerboulevard verwandelt. Unter den Linden, die 1,5 Kilometer weit die Allee schmücken und sommers, wenn es im Flußtal schwühl wird, willkommenen Schatten spenden, sind Blumenrabatte angelegt, stehen überall Sitzbänke und laden zahlreiche Kaffees zum Verweilen ein. Die Bedienung ist in Kaunas traditionsgemäß zuvorkommend - die Stadt hatte niemals ihre gutbürgerlichen Traditionen aufgegeben, auch dann nicht, als es anderswo im Sowjetreich Mode war, "proletarisch" unhöflich zusein. Man kann sich leicht vorstellen, daß diese Fußgängerzone einmal ideal für einen Einkaufsbummel sein wird, aber vorläufig leidet auch dieser Traum am Warenmangel des krisengelähmten Systems.
Die Laisves AIeja ist so angelegt, daß sie immer den "Sobor" als Blickfang hat, auf den sie führt. Dies war die Kirche der Stadtgarnison der Armee des Zaren, und sie wurde nach einem typischen Projekt von 1895 des weiland Lieblingsarchitekten des Zarenhofes, A. Benua realisiert. Die Kaunasser haben diesen Bau nie geliebt, und tatsächlich wirkt er inmitten der bescheiden-gemütlichen Stadtanlage wie ein protziger Fremdkörper. In der Nachkriegszeit diente der Bau als Galerie für Glasfenster und Skulpturen-unter denen auch die jetzt vor dem Kriegsmuseum wiederaufgestellte "Freiheit" in einer stillen Nische "überwintert" hat.
Nebenan steht die postmoderne Bildergalerie, die den Namen des Kunstmäzens Mykolas Zilinskas trägt. Der in Berlin lebende Millionär, hat fast seine gesamte Bildersammlung seiner Heimat geschenkt, und - dem Hannoveraner Sprengel, oder dem Aachener Ludwig nicht unähnlich - zur Bedingung dafür den Bau einer zeitgemäßen Galerie gemacht. Die Gemälde sind von sehr unterschiedlicher Qualität, aber für Litauen doch wichtig.
Das jetzt "Tulpe" genannte Kaffee gehörte einst Konrad, und war das Literatenkaffee des unabhängigen Litauen. Es wird in zahlreichen Erinnerungen der Schriftsteller beschrieben (Laisves AIeja Nr. 49). Weiter finden wir am Boulevard das Schauspielhaus (Nr. 71), das Puppentheater (Nr. 87a) und etwas versetzt, zwischen Bäumen das Musiktheater (Nr. 91). Es ist der erste Theaterbau von Kaunas, der in den Jahren 1890 bis 1892 nach den Plänen des Architekten Galinevicius errichtet wurde. 1923 wurde er von Dubenecki erweitert, und 1932 wurden ihm nach den Plänen des Architekten V. Zemkalnis Züge eines "litauischen Barock" gegeben. Am 15. Mai des Jahres 1920 fand hier die Gründungsversammlung des Sejm von Litauen statt. Gegenüber, in einem Gebäude, das im für Kaunas der Zwischenkriegszeit typischen Art D6co-Stil errichtet (1939) ist, residiert die Selbstverwaltung der Stadt. Daneben wurde 1990, nach langen Debatten über den geeigneten Ort, das Denkmal von Vytautas dem Großen, symbolischerweise am Jahrestag der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes, wiederaufgestellt. Es wurde nach der in Originalgröße erhaltenen Gipsform des Bildhauers V. Grybas neu in Bronze gegossen. Natürlich ist es eine Idealdarstellung, da es von Vytautas (um 1350 bis 1430) selbst keine Portraits - außer auf einem undeutlichen Stempelbild - gibt. Erwähnenswert ist die Hauptpost (nr. 102) und daneben das Zoologische Museum des T. Ivanauskas (Nr. 106). Biegt man am Kaufhaus "Merkurijus" in die Nebenstraße, so kommt man auf den Vienybes (Einheit) Platz, der nach einem Projekt von 1960 zu einem repräsentativen Stadtzentrum, mit Lenin-Denkmal, einem "Palast für politische Bildung", klotzigen Reliefs von Arbeitern, Bauern und Soldaten werden sollte. Aber die Zeiten haben sich geändert, und der Platz erhält seine ursprüngliche Gestalt und Sinn wieder. In die Räume des Polit-Palasts ist die wiedergegründete Universität Vytautas des Großen eingezogen, das Lenindenkmal ist abtransportiert an einen ruhigeren Ort, die Statue "Freiheit" von J. Zikaras steht wieder auf dem hohen Pylon vor dem Kriegsmuseum. Sie wurde am Jahrestag der Unabhängigkeit Litauens, dem 16. Februar 1989während einer riesigen Demonstration dort wieder enthüllt und symbolisiert seitdem den ungebrochenen Willen der litauischen Nation nach Eigenstaatlichkeit. Damals wurde den Gefallenen für die Freiheit Litauens auch eine Pyramide aus Feldsteinen, die ebenfalls abgerissen worden war, wiedererrichtet. Das Museum ist reich an Exponaten aus der Geschichte Litauens, unter anderem dem Flugzeugwrack der Atlantikflieger Darius und Girenas. In einem anderen Flügel des Gebäudes befindet sich die reichhaltigste Kollektion der Gemälde und Zeichnungen des wohl am meisten verehrten Litauischen Malers, Konstantinas M.Ciurlionis(1875-1911). Ciurlionis hat in Petersburg Malerei studiert, und dort auch seine Laufbahn als Maler begonnen. Seine Gemälde sind zwar vom Jugendstil inspiriert, atmen aber doch einen ganz anderen Geist: das dekorative Element scheint selten hervor, dafür ist das Gefühlsbetonte, ja Sentimentale stark spürbar. Die romantische, mystifizierende Sicht der Volkslegende und Geschichte, die Verherrlichung des Nationalen erhält bei Ciurlionis durch die äußerst sensible Behandlung der Farbe künstlerisch überaus reife Formen. Seine Versuche, Bildersymphonien zu seinen eigenen Kompositionen zu zeichnen, sind in ihrer Gesamtheit von kaum einem anderen Künstler mit dieser Intensität verwirklicht worden. Einige dieser Gemäldeserien "klingen" in der Tat, so etwa "Die Meeressymphonie".
Gegenüber an der Neris-Straße befindet sich die Kollektion eines anderen Malers, des Naturalisten und Impressionisten Antanas Zmuidzinaviöius (1876-1966), dessen frühe Landschaftsbilder durchaus die Frische und echte Naturverbundenheit eines Max Liebermann erreichen, aber in den späteren Jahren im Akademismus erstarren. Von einem besonderen Reiz ist die Teufels-Sammlung des Künstlers. Er hat damit angefangen, volkstümliche Darstellungen des Teufels in Statuetten, Masken, Bildnissen zu sammeln. Erstaunlich die Vielfalt dieses Themas. Es fällt auf, daß der Teufel durchaus nicht immer als die Inkarnation des Bösen verstanden wurde. Das Museum setzt die Sammlung fort, und ist um jedes neue Stück, das Gäste aus aller Welt ihm schenken, dankbar.
Die neuen Stadtviertel sind, wie überall in der Welt, von einer erstaunlichen Einfallslosigkeit und der Kastendenkweise ihrer Architekten gezeichnet. Vielleicht am gelungensten ist da noch der Stadtbezirk Dainava, der zwar auch aus Standarthäusern besteht, aber doch einige menschlichere Oasen aufweist. Man hat sich auch bemüht, diese Zentren durch Bildwerke aufzulockern, ihnen den Anstrich von Kultur zu geben. Aber dies ändert nicht viel, und man kann nur warten, bis die Sätzlinge zu richtigen Bäumen auswachsen, sodaß die Häusermassen im Grün untertauchen. Sehenswert ist noch der Eichen-Park, der bis in die Stadtmitte hineinreicht. Der Zoologische Garten im Adam-Mickiewicz-Tal ist der einzige in Litauen.
Unweit von Kaunas, neben der Autobahn in Richtung Klaipeda steht das IX. Fort. Die Kasematten und Baracken der Festung dienten schon dem Regime Smetona als Gefängnis für politische Gefangene. Während der Besetzungszeit hatten die Nazis hier ein KZ mit der Bezeichnung "Fabrik Nr. 1005 B" eingerichtet. In Gräben neben dem Fort wurden massenweise erschossene Menschen verscharrt: zunächst waren es die Juden aus dem Ghetto von Kaunas (etwa 80 000), dann auch aus anderen Ländern, aus Österreich, Belgien, der Tschechoslowakei, Polen, Holland (etwa 10 000), und schließlich russische Gefangene (etwa 10 000). 1984 wurde an dieser Stelle eine gewaltige Gedenkanlage für diese Opfer der Barbarei errichtet. Die drei riesigen Betonplastiken der Bildhauer Gediminas Baravykas und Vytautas Vielius symbolisieren "Leid", "Kampf" und "Sieg". In der ruhigen Landschaft und neben dem dunklen Fort bilden die wild bewegten Kompositionen durchaus einen ungewöhnlichen Kontrast.

„Durch Litauen und ehemaliges Ostpreussen". Vilnius, „Mokslas", 1990


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Erneut: 2004.04.26
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