BIRZAI

Stadtwappen BirzaiDas Verwaltungszentrum des gleichnamigen Bezirks im Nordosten Litauens liegt dort, wo die Flüsse Apascia und Agluona sich vereinen am Ufer des künstlichen Sees Sirvena. Die umliegende Landschaft ist ausgesprochen reizvoll, es gibt viele kleinere und größere Seen inmitten von Feldern, Hainen und sanften Hügeln.
Die Geschichte von Birzai ist mit dem Geschlecht der Radvila (poln.: Radziwill) eng verbunden, die hier vom Anfang des 16. Jahrhunderts bis 1804 Ländereien besaßen. Der Urahn des Birzaer Zweigs der Fürstenfamilie, J. Radvila, war der Vater der wunderschönen und legendären Barbara Radvilaite, in die sich Sigismund August, der polnische König so  unsterblich verliebte, daß er sie gegen alle Widerstände der Hocharistokratie und der Königinmutier heimlich geheiratet hat. Barbara wurde nie so richtig am Hofe anerkannt, sorgte aber dafür, daß ihre Familie mit ausgedehnten Besitzungen reich beschenkt wurde, sodaß sie die reichsten und für lange Zeit herrschenden Fürsten im Großfürstentum Litauen wurden. K. Radvila, genannt Perkunas (nach dem alten Hauptgott des heidnischen Pantheons, dem Donnergott Perkünas, der dem griechischen Zeus entspricht), begann 1575 mit der Anlage einer Burg in Birzai, die 1589 fertig wurde. Sie entsprach den damaligen Erfordernissen der Kriegführung mit Feuerwaffen: die Fortifikationen und Bastione sind sternförmig und gestaffelt angelegt, von tiefen Wassergräben umgeben, die durch das künstliche Aufstauen der Flüsse gefüllt wurden. Der Fürst hat auch dafür gesorgt, daß der Ort Stadtrechte erhielt, daß eine Kirche und eine Schule gebaut wurden. Übrigens waren die Radvila reformiert, sie haben lange und recht erfolgreich für die Einführung der Reformation und der Aufklärung in Litauen gesorgt. Während des polnisch-schwedischen Krieges wurde Birzai zu einer der wichtigsten Verteidigungsbastione Polen-Litauens, die aber nicht sonderlich viel bewirkt hat. Als der Schwedenkönig Gustav Adolf 1625 mit 6000-Mann die Feste umlagerte, und sie nicht durch Beschuß einnehmen konnte, wendete er andere Sturmtechniken an: von außen her wurden Stollen bis unter die Festungswälle und -mauern gegraben und diese dann vermint. Die Festungsbesatzung verstand die Sinnlosigkeit weiteren widerstandes und kapitulierte. Ein Jahr darauf, als die Schweden sich zurückzogen, ging sie wieder an Radvila, war aber dermaßen verfallen, daß die Anlage ganz neu gebaut werden mußte. Dies geschah allerdings erst in den Jahren 1662 bis 69, und diesmal nach den Plänen des bekannten niederländischen Pestungsbauingenieurs, Arztes und Philosophen A. Freitag. Die Burg erhielt nun ausdrucksvollen Renaissanceschmuck und wurde wesentlich verstärkt. 1701 unterschrieben hier der Zar aller Rußen, Peter der Große, und der Kurfürst von Sachsen Friedrich August, genannt der Starke, der nach dem Tode seines Bruders sozusagen als dessen Nachfolger König von Polen und Großherzog von Litauen, mit dem Namen August II. geworden war, einen gegen Schweden gerichteten Vertrag. Dem Starken August bekam dies schlecht, denn die Schweden schlugen ihn empfindlich und nahmen ihm nicht nur Polen-Litauen, sondern auch Sachsen (1703). Er wurde vom Thron Litauen-Polens gejagt, aber als Peter l. die Schweden seinerseits schließlich bekriegte (1709 bei Poltawa), setzte er seinen Bundnis-bruder August wieder ein und beließ sicherheitshalber auch gleich Teile seiner Armee in Litauen. Die Festung Birzai indes wurde schon 1704 von den Schweden genommen und diesmal gesprengt und geschleift. Die wenig ruhmreiche Kriegsgeschichte von Birzai schien damit zu Ende. Aber die Festung wurde offensichtlich wiederhergerichtet, denn Zar Peter l. hat unterwegs von Riga nach Vilnius 1705 mit seiner Armee mehrere Tage hier gerastet.
Ohne Bedeutung für die Landesverteidigung geblieben, verfiel auch die Stadt Birzai. Dazu haben auch die Kämpfe zwischen der Reformierten und der zur Gegenreformation angetretenen katholischen Kirche geführt. Um 1800 ging die Stadt ihrer Stadtrechte (nach dem Magdeburger Recht) verlustig. Auch die Glorie der Fürsten Radvila verblaßte, und sie waren gezwungen, die verfallende Stadt an den Grafen Tiskevicius (Tiszkiewicz) zu  überlassen. Dieses Adligengeschlecht hatte seinen Ursprung in Kiew, von einem gewissen Kalenik Mischkowitsch (1437 erwähnt), dessen Sohn Tischka, also Timotheus, hieß und in Polen Karriere machte. Aus diesem Geschlecht gingen zahlreiche bedeutende Männer des Doppelstaates hervor, und im letzten Jahrhundert wurden sie zu den reichsten Magnaten Litauens. Ihrem Namen werden wir noch häufiger begegnen.
Die Tiskevicius interessierten sich nicht für die kaputte Festung, und bauten sich eine Residenz am anderen, dem nördlichen Ende des Sirvena-Sees. Dort steht bis heute die klassizistische Anlage von Astravas. Der Palast wurde Mitte des vorigen Jahrhunderts von dem polnischen Architekten aus Vilnius, Tomas Tysecki unter der Assistenz seiner Brüder Bronislaw und Stanislaw gebaut. Besonders wertvoll sind die klassizistischen Interieurs, vor allem die repräsentative Halle mit den hohen Säulen und zwei weitere Säle. Bei der Restaurierung wurden vor dem Eingangsportal die Kopien zweier Bronzelöwen an ihrem ursprünglichen Ort wiederaufgestellt, denn die Originale sind nach Kaunas verbracht worden, und schmücken dort den Eingang zum Historischen Museum. Nun finden in dem Schloß Konzerte und Ausstellungen statt. In den Jahren 1978 bis 85 wurde auch die alte Festung von Birzai restauriert. Hier befindet sich nun das Heimatmuseum und die Stadtbibliothek. In Birzai steht noch eine neubarocke katholische Kirche des Heiligen Johannes (geb. 1857-1861) und eine neugotische evangelisch-reformierte Kirche (geb. 1865-1874).

„Durch Litauen und ehemaliges Ostpreussen". Vilnius, „Mokslas", 1990


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Erneut: 2004.04.26
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